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12.06.08 11:10
Italien: Unglaubliche Vorgänge
Die spärlichen Informationen zum Skandal um die italienische Privatklinik Santa Rita muten an wie ein Kapitel aus der "Schönen neuen Welt"
Kommentar von NETZWERK Sprecher Dirk Brandl
Patienten, die aus reiner Geldgier operiert werden, Todesfälle und Fehlbehandlungen, Frauen, die Ihre Brüste abgenommen bekommen ohne Indikation. Diese Horrormeldungen erschüttern nicht nur ganz Italien, mittlerweile hat das Ausmaß des Skandals die Welt erreicht. 13 Ärzte und der Besitzer der Mailänder Klinik sitzen in Untersuchungshaft, weitere Ärzte stehen unter Hausarrest. Die Dimension wirft allgemeine und konkrete Fragen auf, die es genauer zu analysieren gilt.
Wenn es stimmt, was die Medien berichten, dass neben dieser Privatklinik weitere 10 Kliniken unter Verdacht stehen, kann hier von einem kriminellen Einzelfall schlichtweg keine Rede sein. Zu unterscheiden ist sicherlich, ob durch kriminelle Aktivitäten die staatlichen Versicherer betrogen wurden oder ob dieser Betrug durch Schädigungen von Patienten erfolgt ist.
Ich möchte hier keinesfalls dem Versicherungsbetrug Absolution erteilen, aber der Unterschied ist in meinen Augen evident, denn hier handelt es sich um Körperverletzungen ungeahnten Ausmaßes
Hinzu kommen die Meldungen der letzten Monate über die Verhältnisse in italienischen Kliniken zu Fehlbehandlungen, unhygienischen Verhältnissen und Schlamperei.
Ist dies ein rein italienisches Phänomen und, wenn ja, warum ist die Situation in Italien eine andere oder zeigt der Fall symptomatisch, was überall passieren kann? Ich kenne die Situation in Italien ziemlich gut, einerseits durch viele Gespräche mit in Italien arbeitenden Ärzten, andererseits durch häufige Italienaufenthalte. Ich glaube, dass sowohl spezifische als auch allgemeine Ursachen zu finden sind. Betrachten wir die Situation detailliert:
1. Die Arztausbildung in Italien scheint nicht mit der Situation in anderen Ländern vergleichbar. Ich möchte es hier überspitzt formulieren, lasse mich jedoch gern eines Besseren belehren: Das System erlaubt es, dass ein Arzt einen Universitätsabschluß mit Approbation erhalten kann, ohne jemals einen Patienten gesehen zu haben.
2. Der normale Kassenpatient hat zunächst immer die Anlaufstelle eines Ortes, einer Region, eines Stadtviertels. Ist er ernsthaft erkrankt, muß er sich zuerst hier untersuchen lassen, wenn er einen Spezialisten oder ein Hospital aufsuchen will zur genaueren Analyse. In diesen lokalen Praxen sitzen festbezahlte Ärzte, häufig gerade aus der oben beschriebenen Ausbildung entlassen.
3. Das regionale Krankenhaus kann, muß aber nicht die Zustände aufweisen, die durch die Presse gegangen sind.
4. Seit Jahren werden die Kosten, auch für universitäre Einrichtungen, zurückgefahren, Studien sind nur noch schwer durchzuführen.
Dies sind die italienspezifischen Ursachen. Kommen wir nun zu den allgemeinen, die auf fast jede nationale Situation zutreffen.
1. Die Medizin bewegt sich immer weiter hinein in wirtschaftliche Zwänge. Der ursprüngliche Ansatz, die Medizin von wirtschaftlichen Zwängen freizuhalten wird ersetzt dadurch, dass jeder Arzt und jedes Krankenhaus wirtschaftlich arbeiten muss. Wenn die finanziellen Daumenschrauben immer kräftiger angelegt werden, werden diejenigen, die darunter leiden, quasi zum Betrug aufgefordert. Dies geht zu Lasten der ehrlichen Ärzte, dies geht zu Lasten der Patienten und dies geht zu Lasten der Kassen und der Allgemeinheit.
2. Die kapitalistischen Marktgesetze auch auf die Medizin zu übertragen bedeutet weiterhin, dass die Ärzte nicht länger kooperieren, sondern zueinander in sich verschärfender Konkurrenz stehen, in immer größer werdender Vereinzelung. Dies gilt gleichermaßen für alle im Gesundheitssystem Arbeitenden wie Schwestern, Pfleger etc.
3. Die ursprüngliche Motivation zur Aufnahme des Medizinstudiums wird damit ad Absurdum geführt, gemeint ist hier der Wunsch, anderen Menschen zu helfen, für andere Menschen da zu sein, ein durch und durch humanistisches Motiv.
4. Die Weiterentwicklung der Medizin und Pharmazie unterliegt ebenfalls wirtschaftlichen Zwängen. Geforscht wird, wo es Geld zu verdienen gibt. Dieser Punkt wird gemildert durch Sponsoring privater Geldgeber und Stiftungen. Die Förderkultur ist in einigen Ländern wie den USA sehr weit entwickelt, in anderen, insbesondere in 3. Welt Ländern ist sie so gut wie nicht vorhanden. Dies führt zu noch größerer Spaltung in Medizin für die Reichen und Medizin für die Armen, in Nationen und innerhalb nationaler Gesellschaften.
Auch wenn in jedem System Korruption und Betrug vorkommen können, die oben beschriebenen Zusammenhänge haben Systemcharakter. Das Soziale wird immer weiter zurückgedrängt, die rein kapitalistischen Marktgesetze gewinnen immer stärker die Oberhand. Gleichzeitig kehrt eine immer größer werdende bürokratische Regelungswut ein. Mit diesen globalen Herausforderungen an die Gesundheitssysteme steht unsere Wirtschaftsordnung selbst auf der Tagesordnung. Gibt es an dieser Stelle keine Veränderungen, wird sich das System schneller überleben als uns allen lieb sein kann.
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