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09.08.08 14:38

Von Netzwerken und Schwarze Löchern

Was die Medizin von der Physik und dem CERN lernen kann

von Dirk Brandl

In jüngster Zeit werden viele Nachrichten über die anstehenden Versuche im CERN Forschungszentrum bei Genf veröffentlicht. An den Versuchen sind tausende von Physikern beteiligt, die in einem Netzwerk zusammenarbeiten, um wichtige Erkenntnisse über die Entstehung unseres Universums zu bekommen. Zehntausende von externen Rechnern wurden zusammengeschlossen, um die enorme Datenflut zu verarbeiten.
Die notwendig gewordene Zusammenarbeit in der Physik deutet darauf hin, dass diese Wissenschaft sich im letzten Jahrhundert so weit entwickelt hat, dass weiterer Erkenntnisgewinn nur durch Kooperation und Synergieerzeugung möglich ist. Die physikalische Wende, die mit Einstein, Heisenberg und Planck zu Anfang des letzten Jahrhunderts begann, findet hier ihre konsequente Weiterentwicklung. Die Verifizierung kleinster Teilchen erfordert Riesenapparaturen mit unvorstellbaren Dimensionen
Lernen und Erkenntnis in solch komplexen Zusammenhängen scheint nur noch möglich innerhalb großer Netzwerke, die einerseits die Komplexität besser widerspiegeln und andererseits selbst Strukturen bilden, die zu Überlegungen über die Zukunft wissenschaftlichen Arbeitens Anlaß geben können.
Die Physik hat sich als erste „harte“ Wissenschaft vom kartesianischen Wissenschaftsverständnis entfernen müssen. Diese Wende fiel den Physikern nicht leicht. Noch heute ist vielen anderen Wissenschaften vollständig unverständlich, was sich in der Physik als eine der wichtigsten Revolutionen der Gegenwart abspielt. Daraus zu lernen hieße, die neuen Erkenntnisse begreifen zu können, um sie auch anderen Wissenschaften zugänglich zu machen.
Vom kartesianischen zum systemischen Modell der Welt zu gelangen ist schwer. Nur in Wissensgebieten, wo die Realität andere Erklärungsmodelle nicht länger zulässt, geschieht dies. Auch in der Medizin und Biologie halten so langsam neue Erkenntnisse Einzug. Vorreiter ist sicher die Gehirnforschung, denn die Entdeckung der neuronalen Netze, durch die unser Gehirn seine Welt erschafft, zwang dazu, neue Erklärungsmuster zu suchen.
Auch die Wahrnehmungsphysiologie kommt mittlerweile ohne systemische Erklärungsmodelle nicht länger aus. Die von Maturana/Varela verfasste Santiago Theorie mit der Einführung des Begriffs Autopoiese (= selbst machen, Selbstorganisation) in die Wissenschaft hat dazu geführt, dass Kognition und Leben als identische Begriffe definiert werden, beispielsweise vom Physiker Fritjof Capra.
Die Weiterentwicklung der Medizin wird wissenschaftlich sicher dort voranschreiten, wo die Resultate der Physik und Biologie berücksichtigt werden, in der Gehirnforschung, in der Zellforschung, in der Entschlüsselung des genetischen Codes, in der Immunologie, um nur einige der heißesten Kandidaten hier zu nennen.
Die kartesianische Zweiteilung vom Objekt und dem Subjekt der Erkenntnis kann nicht länger aufrechterhalten werden. Heilung als einen Rückkopplungsvorgang zu begreifen, an dem viele verschiedene Personen beteiligt sein können, wäre ein erster Schritt der Umkehr. Die von Venter und seinem Team erstmals entschlüsselte topografische Karte unserer DNS war nur möglich durch die Kooperation vieler Wissenschaftler.
Wie aber kann das neue Wissen um unsere Vernetzung Eingang finden in die tägliche medizinische Praxis? Die wichtigste Erkenntnis der Physik ist die, dass offene Fragen heute, zu welchem medizinischen Thema auch immer, zu einer weltweiten Vernetzung derjenigen führen muß, die sich gleichzeitig damit beschäftigen, beispielsweise das NETZWERK-Lipolyse, in dem sich Ärzte aus vielen Ländern mit der Frage beschäftigen, ob und wie die Injektion von Phosphatidylcholin kleinere Fettpolster reduziert, ihre Ergebnisse zusammentragen, vergleichen und bewerten. Vor diesem Hintergrund wird Konkurrenz – die wichtigste Triebkraft unserer herrschenden Produktionsweise – sinnlos. Am CERN arbeiten Wissenschaftler aus vielen Ländern an der Lösung vieler Fragen zusammen, teilweise aus miteinander verfeindeten Völkern. Eine Welt, ein Drang nach Erkenntnis, eine Verbundenheit durch die Leidenschaft, zu wissen und zu erkennen sind Teile des Paradigmenwechsels, der alle Natur- und Geisteswissenschaften erfasst hat.
In der Medizin zeichnet sich eine Entwicklung ab in der Diagnostik vom Symptom zum System, auch wenn ihr teilweise zu Unrecht vorgeworfen wurde, sie denke nur symptomorientiert. Aber die kartesianische Dichotomie von Körper und Psyche ist sicher nicht aufgehoben, auch wenn erste Ansätze zu verzeichnen sind. Spezialisierung durch Psychosomatik ist nicht der geeignete Ansatz, vielmehr sollte die Grundlagenforschung alle Bereiche betreffen: Diagnostik, Psychosomatik, Therapie. Adipositas beispielsweise kann auch betrachtet werden als ein Multisymptomphänomen, einfache Ursache-Wirkungszusammenhänge führen in die Irre. Dennoch ist in der Medizin der Zwang zur Zusammenarbeit bislang auf die Forschung beschränkt, das Potential vernetzter Synergieerzeugung in der Praxis wird noch viel zu wenig genutzt.


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Kontakt: Dirk Brandl

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